Wittgenstein. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus hat für das vergangene Jahr 8627 Vorfälle registriert: 77 Prozent mehr als für 2023, für 2024 aufs Jahr umgelegt mehr als 23 antisemitische Vorfälle pro Tag. Der Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November bietet seit Jahren in allen Wittgensteiner Kommunen die Möglichkeit, sich gegen Antisemitismus zu positionieren. Mit dem staatlich organisierten Schänden, Plündern, Zerstören, In-Brand-Setzen von Synagogen und Angriffen auf die Mitmenschen, die gleichzeitig jüdisch und deutsch waren, machten die Nazis damals klar, dass es ihnen nicht mal mehr um den Anschein von Rechtsstaatlichkeit ging. In 1938 waren Jüdinnen und Juden die Opfer, aber auch alle anderen Deutschen hätten erkennen können, dass es früher oder später sie selbst treffen könnte, wenn die Nazis in ihrer Willkür überlegten, wer ihnen als Nächstes nicht mehr ins Konzept passte.
Den Wittgensteiner Auftakt für das Gedenken an die Pogromnacht gestalteten am Sonntagmorgen die Berleburger. Wie gewohnt hatte der Arbeitskreis „Schule für Toleranz und Zivilcourage“ der Ludwig-zu-Sayn-Wittgenstein-Schule zum Mahnmal für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus‘ am Berlebach eingeladen. Unter den mehr als 80 Besucherinnen und Besuchern, die der Einladung gefolgt waren, war auch Berleburgs Bürgermeister Volker Sonneborn, der in seiner Ansprache deutlich formulierte, weshalb man hier zusammenkomme: „Wir müssen gemeinsam ein Zeichen setzen gegen Hass, Gewalt und Hetze – und für die Gemeinschaft, den Zusammenhalt, für das Wir.“
In Bad Laasphe gab es nach einem Grußwort von Bürgermeister Dirk Terlinden einen Vortrag von Kristina Becker. Die 25-Jährige stammt aus Arfeld und arbeitet als Junior-Bildungsreferentin bei den Arolsen Archives. Nachdem sie die Arbeit des weltweit größten Archivs zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus‘ und sogar Verbindungen nach Bad Laasphe erläutert hatte, formulierte sie als Lehre aus der Vergangenheit eine gesellschaftliche Aufgabe für die Gegenwart: „Es ist wichtig, den Menschen zuzuhören, die selbst von Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung betroffen sind. Es ist unsere Verantwortung, hinzuschauen, Gespräche zu führen und gemeinsam miteinander solidarisch zu sein.“ Unter den 150 Besucherinnen und Besuchern in Bad Laasphe war auch eine Delegation aus Emek Hefer, dem israelischen Partnerkreis von Siegen-Wittgenstein. So konnten die jüdischen Gebete „Kaddisch“ und „Yizkor“ diesmal von dem Israeli Yoni Scherzer auf Hebräisch gesprochen werden.
Den Abschluss fand das Wittgensteiner Pogromgedenken am Montagnachmittag in Erndtebrück. Diesmal waren die Konfirmandinnen und Konfirmanden aus den Kirchengemeinden Birkelbach und Erndtebrück mit ihrem Pfarrer Jaime Jung am Zug, die Gedenkstunde zu gestalten. Gemeinsam überlegten sich alle 30 Konfis: „Was können wir gegen Ausgrenzung und Diskriminierung tun?“ Ihre Antworten wurden den 60 Besucherinnen und Besuchern, darunter auch Bürgermeister Henning Gronau, in der Evangelischen Kirche Erndtebrück gezeigt. Im anschließenden Gebet fragten die Kinder: Wie anders sich Erndtebrück wohl entwickelt hätte, wenn die Simons, die Winters, die Dickhauts, die Moses hätten dableiben können? „Wir sind ärmer geworden ohne sie. Wir trauern um die jüdischen Mitmenschen.“ Aus der Kirche ging es dann zur Gedenktafel an der Bergstraße, wo für alle zehn jüdischen Opfer aus Erndtebrück jeweils eine Kerze des Erinnerns entzündet wurde.
In allen drei Kommunen wurden die Namen der Jüdinnen und Juden verlesen, die Opfer der Nazis wurden. Viel mehr Fotos, etwa von den Anregungen der Konfis, und viele der Reden gibt es auf der Homepage des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe unter https://cjz-badlaasphe.de.
Bildunterschrift: Der Chor „Singsation“ sang mit Bürgermeister Volker Sonneborn und Jugendlichen der Ludwig-zu-Sayn-Wittgenstein-Schule bei der Gedenkstunde zur Reichspogromnacht am Berleburger Mahnmal die israelische Friedens-Botschaft „Shalom chaverim“.
(Foto: privat | Stand: 20.11.2025, 08:00 Uhr)





