Bad Berleburg. Die ältesten erhaltenen Kirchenbücher aus Westfalen stammen aus der Feudinger Kirchengemeinde, das ist ein Fakt. Das schönste Kirchenbuch Wittgensteins sei aus der Birkelbacher Kirchengemeinde, das ist die persönliche Meinung von Dr. Johannes Burkardt. Beides war jetzt bei seinem Vortrag im Dritten Ort, der Berleburger Bücherei der Zukunft, zu hören. Wie fundiert sein Urteil ist, das bewiesen die detailreichen und kurzweiligen Kirchenbuch-Ausführungen des Leiters der Abteilung „Ostwestfalen-Lippe“ im Landesarchiv NRW. Seit Jahren ist der Berleburger ehrenamtlich Archivar des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein, inzwischen des heimischen Teils vom neuen Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein. Ein weiterer Hinweis auf die Qualität des Referenten waren drei Dutzend Besucherinnen und Besucher in der Stadtbücherei, die aus allen drei Wittgensteiner Kommunen und dem Sauer- und dem Siegerland nach Bad Berleburg gekommen waren.
Über dem Kirchenbücher-Vortrag stand „Lederne Gesellen, schweigsam und verschlossen, und doch wieder recht mitteilsam und unterhaltsam“. Den Titel hatte sich Johannes Burkardt bei Georg Hinsberg ausgeliehen. Das Zitat steht im Büchlein „Aus Berleburgs alten Kirchenbüchern“, das der Odebornstadt-Pfarrer und spätere Wittgensteiner Superintendent 1909 veröffentlichte.
Nachdem Johannes Burkardt auf die biblische Offenbarung verwiesen hatte, in der die Rede vom „Buch des Lebens“ ist, beleuchtete er die Anfänge der Kirchenbücher zunächst einmal als Taufregister, dann als Gemeindeglieder-Liste. Für die Ewigkeit sicherte dieses das Seelenheil der Getauften, für den Augenblick sicherte es dem Pfarrer vor der Kirchensteuer seine Entlohnung und schuf Klarheit nach den Verwerfungen der Reformation. Auch Landesherren hatten gern Übersicht über ihre Untertanen.
Seine Betrachtungs-Periode grenzte Johannes Burkardt ein: „Zeitlich beschränke ich mich auf die etwa zweieinhalb Jahrhunderte zwischen Einführung der Kirchenbücher und der Einführung fest vorgeschriebener Tabellen durch Preußen 1818.“ Akribisch hatte sich der Referent durch die Wittgensteiner Kirchenbücher gearbeitet und illustrierte in seinem Vortrag seine Erkenntnisse mit Beispielen aus unterschiedlichsten Kirchengemeinden. So gab es 1733 in Berleburg eine Blattern-Epidemie, die in keiner Chronik erwähnt wird. Im Kirchenbuch hielten die Fischelbacher Gemeinde-Neuigkeiten fest, die Raumländer ihre Presbyteriums-Protokolle, die Wingeshäuser Kirchengemeinde ihre Schuldner, die Birkelbacher ihre Auswanderer, die Laaspher ihre Pest-Toten. Johannes Burkardts Urteil über Kirchenbücher war klar: „ein Fundus historischen Quellenmaterials über Personendaten hinaus“. Deshalb seien sie nicht nur für die Familienforschung wichtig, sondern auch für Orts-, Sozial- und Klimageschichte. Außerdem sagten die historischen Register viel über die Pfarrer aus, die sie geführt hätten. Apropos Familienforschung: Dankbar erinnerte der Referent an Jochen Karl Mehldau, der durch seine jahrzehntelange Fleißarbeit dafür gesorgt hatte, dass die in Wittgensteiner Kirchenbüchern verzeichneten Personendaten bis 1874 heute schnell und problemlos zugänglich seien: „Seit 2019 befindet sich die Datenbank im Landesarchiv NRW in Detmold und wird für Beauskunftungen rege genutzt.“ Er habe einfach Lust auf Kirchenbücher machen wollen, so fasste Johannes Burkardt seine Motivation zusammen. Das war ihm mit diesem Vortrag eindeutig gelungen.
Und am Ende hatte Rikarde Riedesel als Leiterin der Abteilung „Kultur und Erwachsenenbildung“ im Berleburger Rathaus auch noch eine gute Nachricht: Die Vortragsreihe „Wittgenstein historisch“ als Kooperation des Wittgensteiner Heimatvereins und des Dritten Orts, der Berleburger Bücherei der Zukunft, geht weiter. Im November wird hier das nächste Mal Lust auf Heimatgeschichte gemacht.

Bildunterschrift: Nach dem Vortrag gab es für die Vortrags-Besucher reichlich Gelegenheit, mit dem Referenten Dr. Johannes Burkardt (rechts) ins Gespräch zu kommen.

(Foto: J. Gesper | Stand: 27.07.2025, 08:00 Uhr)